„Es gibt Wichtigeres“

Ausführlichere und verwandte Formulierungen:

  • „Gibt es nichts wichtigeres, als sich damit zu befassen?“
  • „Sollte man nicht erstmal … erledigen?“
  • „Haben die nichts besseres zu tun?“
  • „Es gibt Schlimmeres!“

Kurze Widerlegung:

Der Einwand ist gegenstandslos, weil für jeden Menschen die Einschätzung, was wichtig ist, und was nicht, persönlich und individuell ist. Wenn man sich damit beschäftigen müßte, zunächst herauszufinden, was wichtig genug ist, um zuerst erledigt zu werden, käme man zu gar nichts.

Darüberhinaus steckt in dieser Behauptung der Irrtum, es könne nur eine Sache auf einmal erledigt werden. Dies ist selbstverständlich nicht der Fall, man kann verschiedene Herausforderungen parallel und gleichzeitig angehen.

Lange Widerlegung:

Sobald jemand mit dem „Wenn man xxx will, muß man aber erstmal/auch yyy erledigen“ ankommt bzw. mit der hilflosen Frage „Gibt’s nicht wichtigeres?“ oder „Haben die nichts besseres zu tun?“, ist das ein untrügliches Anzeichen, daß der Redner in der Sache selbst nichts an Argumenten mehr vorzubringen hat – und damit gibt er dem anderen recht.

Der Trick ist nämlich, daß jeder zu absolut jedem Problem jederzeit etwas vorbringen kann, das nach irgendeiner Sichtweise immer irgendwie wichtiger oder auch weniger wichtig ist. Reine Standpunktfrage. Und damit völlig nutzlos als Argument. Dosenpfand? Erstmal um die Inflation kümmern! Rentenversicherung? Bitte erst einmal die Energiekosten senken! Es müssen mehr Ladendiebe gefaßt werden? Vielleicht erstmal Anlagebetrüger dingfest machen! Energiekosten? Die sollen erstmal die Renten sichern? Inflation? Man sollte erstmal die großen Steuerhinterzieher erwischen! Wirtschaftskrise und Bankenrettung? Sollte man nicht erstmal Frieden im nahen Osten erreichen? Eine Heilmittel gegen Krebs? Was ist mit sauberem Trinkwasser für alle Menschen dieser Welt?

Man sieht – so dreht man sich im Kreis und das wichtigste Wort ist „erstmal“, die beste Garantie dafür, daß gar nichts passiert. Irgendwo muß man anfangen. Aber nicht hier? Doch, genau hier!

Für Vorhaben beliebiger Art hängt deren Umsetzung immmer an genau drei Punkten: der Sinnhaftigkeit, der Finanzierbarkeit und der praktischen Machbarkeit. Der Nichtraucherschutz ist in allen drei Punkten keinen Hindernissen unterworfen. Ein Gegenbeispiel, das oft zur Ablenkung herangezogen wird, nämlich der schadstoffproduzierende Autoverkehr, scheitert hingegen derzeit in zweien dieser Punkte. Es wäre sinnvoll, dort von heute auf morgen ausschließlich Wasserstoffantriebe zu verwenden, aber es sind nicht genug auf dem Markt (also nicht praktisch machbar) und die, die es gibt sind sehr teuer (also nicht finanzierbar). Aus diesem Grund ist das kein Gegenargument, sondern nur eine ablenkende Ausrede – und dieses Muster trifft auf die allermeisten Gegenargumente zu.

Weitere Aspekte sind:

Das Kümmern oder die Besorgnis um ein vermeintlich(!) kleines Problem macht ein damit verglichenes vermeintlich großes Problem keineswegs unwichtig. Es ist ein respektloser Irrtum, zu unterstellen, jemandem, der sich über den Rauch in einer Kneipe aufregt, dem seien alle „größeren“ Probleme egal – sind sie ziemlich sicher nicht. Nur eben der Rauch in der Kneipe auch nicht und der kann eine ganz konkrete und sehr widerliche Belästigung sein und damit ein in dem Zusammenhang durchaus großes Problem. Nicht das einzige weltweit, aber ein existentes und sehr konkretes.

Das Kümmern um ein „großes“ Problem löst das „kleine“ nicht. Die Ausweichdiskussion hin zum größeren Problem berührt das kleinere nämlich nicht – selbst im unwahrscheinlichen Fall, daß das größere Problem gelöst wird, ist man mit dem kleineren deswegen anschließend keineswegs besser dran. Hat man das „Kümmere Dich erst mal da und da drum“ erledigt, ist das kleinere noch da und genauso lästig wie vor dem Ausweichmanöver. Und das ändert sich auch bei Nichtlösen des „großen“ Problems erst recht nicht.

Übrigens: Diese Widerlegung hier funktioniert natürlich auch unabhängig vom Thema dieser Website immer, wenn jemand behauptet, es gebe irgendwo etwas wichtigeres.

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2 Antworten to “„Es gibt Wichtigeres“”

  1. Am Fenster Says:

    […] Es gibt immer und grundsätzlich […]

  2. Was Doktor? Das Doktor! « Am Fenster Says:

    […] Es gibt immer und grundsätzlich […]

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