„Es schreibt einem keiner vor, wo man hinzugehen hat“

Ausführlichere und verwandte Formulierungen:

  • „Man braucht ja nicht in eine Kneipe zu gehen“
  • „Jedem ist es freigestellt, eine Gaststätte zu betreten, in der geraucht wird oder es nicht zu tun. Er hat die freie Auswahl.“

Kurze Widerlegung:

Ein Wort reicht: Angestellte.

Für die anderen gilt: Dann kann man nur zu Hause bleiben. Unterhalb von 75 m² gibt es nach wie vor faktisch nur Raucherkneipen, da der freie Markt in dieser Hinsicht nachgewiesenermaßen nicht funktioniert.

Lange Widerlegung:

Es betrifft nicht nur die Gäste. Die Angestellten haben diese Wahl nämlich nicht. Für sie lautet die Entscheidung „Rauchen oder Arbeitslosigkeit“. Eine weniger freie Entscheidung ist kaum vorstellbar. Dieser Punkt kann auch nicht dadurch entkräftet werden, daß dem Arbeitnehmer freigestellt ist, eine andere Arbeit aufzunehmen, bei der er nicht zum Passivrauchen gezwungen ist. Zum einen ist es in der heutigen Arbeitsmarktsituation geradezu höhnisch, einem Arbeitnehmer in dieser Sache eine Entscheidungsfreiheit zu unterstellen. Und zum anderen wird ihm diese Freiheit auch ganz formal genommen – wenn ihm nämlich durch die Arbeitsvermittlung eine Stelle in der Gastronomie vermittelt wird. Eine solche Vermittlung abzulehnen, ist mit erheblichen persönlichen Nachteilen verbunden, bis hin zur Einstellung von Leistungen. Von einer freien Entscheidung kann nicht die Rede sein. Dieser Grund alleine sollte eigentlich schon mehr als ausreichen, keine Ausnahmen vom Nichtraucherschutz zuzulassen. Die zusätzlichen Gründe unterstreichen dies nur umso mehr:

Das „Argument“ ist wiederum nur ein Scheinargument, auch nur eine weitere Ausrede. 75 m² ist ziemlich groß, das ist nicht einfach nur die vielbeschworene „kleine Eckkneipe“: Auf dem Immobilienmarkt macht man daraus eine Dreiraumwohnung plus Küche und Bad. Für eine ach so bedrohte „kleine Eckkneipe“ wären 40 m² eine plausible Annahme gewesen. Von allem größeren läßt sich bereits mindestens ein Raum abtrennen und mithin ein getrennter Raucherbereich einrichten. Faktisch gibt es also keine Nichtraucherkneipen (die berühmte „getränkegeprägte Kleingastronomie“) unter 75 m².

Heterogene Gruppen werden nicht berücksichtigt. Es geht keinesfalls immer nur um die Entscheidung eines einzelnen potentiellen Gastes, mehrheitlich wird sogar damit zu rechnen sein, daß es sich um eine Gruppe von Personen handelt, von denen einige Raucher sind und andere Nichtraucher. Ein- oder zweimal läßt sich die abendliche Feiertruppe vielleicht noch gefallen, daß der eine Kollege, der seine Lungen konsequent sauberhalten möchte, die Gruppe noch zu einer anderen Location überreden kann, ab dem dritten Mal wird er halt nicht mehr mitgenommen und hat fortan die Wahl zwischen Gestank und Lungenkrebs oder einem abgeschafften Sozialleben. Die Wahlmöglichkeit und ihre Folgen sind nicht symmetrisch.

Es mag formell richtig sein, daß niemand einem vorschreibt, wo man hinzugehen habe, informell besorgt das aber zuverlässig der Gruppendruck. Damit ist die angebliche Wahlfreiheit dahin.

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